Wenn Schmerz das Leben verändert

Wenn Schmerz das Leben verändert

Chronische Schmerzen sind weit mehr als ein biologisches Problem; sie verändern Rollen, Pläne und die gesamte Lebensführung. Dieser Artikel beleuchtet die (oft zu wenig beachtete) soziale Dimension der Schmerzchronifizierung und zeigt auf, warum echte Unterstützung nur mit einem interprofessionellen Blick gelingen kann.

Autor:in

Prof. Dr. Tom Friedli

«Die Schmerzen sind eigentlich gar nicht das Schlimmste.» Sätze wie diesen hört man von Menschen mit chronischen Schmerzen immer wieder. Damit wollen sie nicht sagen, dass die Schmerzen nicht schlimm seien, sondern dass sie etwas in Bewegung setzen, das über das körperliche Erleben hinausgeht: Chronische Schmerzen verändern Beziehungen und Zukunftspläne. Sie greifen in die Lebensführung ein.

Wenn Schmerzen bleiben

Ob Schmerzen chronisch werden, hängt zwar von biologischen Prozessen ab. Ebenso wichtig sind jedoch auch psychologische und soziale Einflüsse. Wie Menschen mit Schmerzen umgehen können, wird wesentlich durch ihre Lebenssituation mitbestimmt.

Wer in finanzieller Unsicherheit lebt, ständig unter Zeitdruck steht oder sich Sorgen um den Arbeitsplatz macht, hat eine andere Ausgangslage als jemand, der auf stabile Beziehungen, gute Arbeitsbedingungen und ein tragfähiges soziales Umfeld zählen kann. Chronischer Stress, soziale Isolation, belastende Arbeitsbedingungen oder Existenzängste können den Prozess der Chronifizierung von Schmerzen begünstigen. Umgekehrt können stabile Lebensbedingungen dazu beitragen, dass Menschen trotz Schmerzen aktiv bleiben und ihre Handlungsmöglichkeiten und Selbstwirksamkeit erhalten können.

Mehr als körperliches Leiden: Die sozialen Folgen chronischer Schmerzen

Gleichzeitig wirken chronische Schmerzen auf das soziale Leben zurück. Manche Betroffene reduzieren ihr Arbeitspensum oder verlieren ihre Stelle. Andere können ihre Kinder nicht mehr so betreuen wie früher, verzichten auf sportliche Aktivitäten oder sagen Treffen mit Freunden immer häufiger ab. Nicht selten verändern sich auch Partnerschaften und familiäre Rollen. Wer bisher selbstverständlich Verantwortung übernommen hat, ist plötzlich selbst auf Unterstützung angewiesen.

Diese Veränderungen geschehen oft schleichend. Jede einzelne Anpassung erscheint für sich genommen nachvollziehbar und sinnvoll. Zusammengenommen können sie jedoch dazu führen, dass sich der Lebensradius immer weiter verkleinert. Chronische Schmerzen werden dadurch zu mehr als einer gesundheitlichen Beeinträchtigung.

Die Notwendigkeit einer sorgfältigen sozialen Diagnostik

Diese Veränderungen werden im medizinischen Alltag leicht übersehen. Für die Betroffenen bestimmen sie jedoch häufig, wie belastend die Erkrankung tatsächlich erlebt wird. Hier hilft nur eine sorgfältige, auf eine tragfähige Beziehung aufbauende, partizipativ ausgestaltete soziale Diagnostik (siehe auch Artikel von Rüegger & Friedli, 2023)

Eine Besonderheit chronischer Schmerzen ist, dass sich Ursachen und Folgen oft nicht klar voneinander trennen lassen. Wer wegen der Schmerzen die Erwerbsarbeit verliert, gerät möglicherweise unter finanziellen Druck. Finanzielle Sorgen erhöhen den Stress. Stress erschwert Erholung, behindert erholsamen Schlaf und Schmerzbewältigung. Der Schmerz nimmt zu. Dadurch sinken die Chancen auf eine Rückkehr in den Beruf.

Es entsteht kein einfacher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, sondern ein Wechselwirkungsprozess, in dem sich gesundheitliche und soziale Entwicklungen gegenseitig verstärken können.

Deshalb greifen Behandlungen zu kurz, die nur den Schmerz selbst behandeln, nicht aber die Lebensbedingungen, unter denen Menschen mit diesem Schmerz leben.

Was bedeutet das für die Behandlung?

Wer chronische Schmerzen ausschliesslich als körperliches Problem versteht, sucht vor allem nach einer körperlichen Lösung. Wer sie ausschliesslich psychologisch erklärt, richtet den Blick auf Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen. Beide Perspektiven greifen zu kurz.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur «Wie lässt sich Schmerz reduzieren?», ebenso wichtig ist die Frage «Was braucht ein Mensch, damit er sein Leben trotz Schmerzen gelingend gestalten kann?»

  • Wenn Schmerzen die Erwerbsarbeit gefährden, braucht es auch Lösungen am Arbeitsplatz, Gespräche mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern oder Unterstützung bei einer schrittweisen Rückkehr in den Beruf.
  • Wenn Schmerzen zu sozialem Rückzug führen, genügt es nicht, diesen Rückzug als Folge der Erkrankung hinzunehmen. Er wird selbst zu einem (sozial)therapeutisch relevanten Thema.
  • Wenn finanzielle Unsicherheit den Alltag bestimmt, wenn Sozialversicherungsverfahren zur dauernden Belastung werden oder wenn die Sorge um die Existenz jede Erholung verhindert, dann handelt es sich dabei nicht um Randbedingungen der Erkrankung, sondern um zentrale Elemente derselben.

Chronische Schmerzen können nur interprofessionell verstanden und behandelt werden. Die verschiedenen Fachperspektiven ergänzen sich dabei gegenseitig.

Die soziale Dimension braucht eine eigene fachliche Perspektive

Die Klinische Soziale Arbeit richtet ihren Blick in der Sozialen Diagnostik deshalb auf Fragen, die in medizinischen Konsultationen häufig nur am Rand Platz finden:

  • Wie hat sich der Alltag verändert?
  • Welche Rollen sind verloren gegangen?
  • Welche sozialen Verpflichtungen können nicht mehr erfüllt werden?
  • Welche Ressourcen tragen noch?
  • Welche Belastungen wirken Tag für Tag auf die betroffene Person ein?

Diese Fragen eröffnen einen neuen Blick auf den Schmerz. Sie zeigen, wie eng Schmerz mit dem Alltag verwoben ist und warum sich Belastungen gegenseitig verschlimmern. Soziale Diagnostik untersucht das Zusammenspiel zwischen Krankheit und Lebenswelt. Erst in dieser Wechselwirkung wird verständlich, weshalb zwei Menschen mit vergleichbaren medizinischen Befunden einen völlig unterschiedlichen Krankheitsverlauf entwickeln können. Hier liegt der Beitrag der Klinischen Sozialen Arbeit.

Dadurch erweitert sie den Blick auf chronische Schmerzen, nicht indem sie medizinische oder psychologische Perspektiven ersetzt, sondern indem sie sichtbar macht, was ohne eine sozialwissenschaftliche Perspektive oft unsichtbar bleibt: die sozialen Prozesse, die Chronifizierung begünstigen, verstärken oder abschwächen können.

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