Psychosoziale Unterstützung für geflüchtete Menschen in der Schweiz

Psychosoziale Unterstützung für geflüchtete Menschen in der Schweiz

Menschen mit Fluchterfahrungen leiden besonders häufig unter psychischen Belastungen und Erkrankungen. Gleichzeitig ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung für diese Menschen oft erschwert. Gründe sind strukturelle Hindernisse sowie sprachliche und kulturelle Barrieren. Dies kann negative Folgen für die Betroffenen sowie die gesellschaftliche Teilhabe haben. Hier gilt es, Abhilfe zu schaffen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts sollen deshalb Empfehlungen für Politik, Verwaltung und Praxis erarbeitet werden.

Autor:in

Gülcan Akkaya, Verena Batt, Christine Beeler, Corinne Schwaller (Hochschule Luzern)

Menschen mit Fluchterfahrungen sind besonders oft von psychischen Erkrankungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angststörungen betroffen. Viele sind durch Erlebnisse vor oder während ihrer Flucht traumatisiert. Gleichzeitig bleibt die psychische Belastung auch im Aufnahmeland oft hoch – zum Beispiel durch Sprachprobleme, fehlende soziale Kontakte, unsichere Wohn- und Arbeitssituationen oder finanzielle Sorgen. Besonders belastend ist auch die Unsicherheit über das Aufenthaltsrecht (i). Deshalb ist ihr Risiko für psychische Erkrankungen besonders hoch.

Geflüchtete Menschen haben oft Schwierigkeiten, Zugang zu medizinischer Versorgung, Informationen über das Gesundheitssystem sowie niederschwelligen Unterstützungsangeboten zu bekommen. Die psychosoziale Gesundheitsversorgung von Geflüchteten ist daher eine wichtige, aber auch herausfordernde Aufgabe.

Fehlende niederschwellige Angebote

Im Rahmen einer Vorstudie haben Forschende der Hochschule Luzern Interviews mit Expert:innen aus dem Fluchtbereich geführt. Diese haben gezeigt, dass die psychosoziale Gesundheitsversorgung von geflüchteten Menschen in der Schweiz mit grossen Herausforderungen konfrontiert ist. Obwohl rechtliche Rahmenbedingungen den Zugang zur Gesundheitsversorgung grundsätzlich gewährleisten, fehlen geeignete Angebote. Unzureichende Kenntnisse des Schweizer Gesundheitssystems sowie administrative, sprachliche und kulturelle Hürden erschweren den Zugang zur notwendigen Gesundheitsversorgung zusätzlich.

Vor allem in der ambulanten Versorgung fehlen Angebote. Zwar gibt es spezialisierte Behandlungszentren, diese sind aber oft überlastet. Leicht zugängliche Beratungsstellen sind selten, und es gibt zu wenige Psychotherapeut:innen, was zu langen Wartezeiten führt. Auch Schulsozialdienste und schulpsychologische Dienste sind stark ausgelastet. Dadurch werden psychische oder soziale Probleme oft nicht früh erkannt oder behandelt, was die Betroffenen und ihre Integration in den Arbeitsmarkt langfristig belastet.

«Die therapeutische Behandlung traumatischer Erlebnisse ist essenziell.»

Eine grosse Herausforderung stellt auch die Finanzierung dar. Es fehlt ein breites gesellschaftliches und politisches Bewusstsein für den wirtschaftlichen Nutzen einer stabilen psychischen Gesundheit – etwa im Hinblick auf Arbeitsfähigkeit.

Ohne ausreichende Finanzierung werden oft Medikamente einer teuren Therapie vorgezogen. Weil die Finanzierung von Dolmetschenden im ambulanten Bereich nicht geregelt ist, lehnen viele Therapeut:innen Behandlungen mit Übersetzungsbedarf ab.

Gesetzliche Vorgaben häufig nicht erfüllt

Die psychosoziale Versorgung wird nach der Ankunft in der Schweiz zu wenig systematisch geprüft. Obwohl das Gesetz vorsieht, dass gesundheitsrelevante Sachverhalte nach der Ankunft in den Bundesasylzentren mit den Geflüchteten abgeklärt werden, geschieht dies in der Praxis aufgrund des beschleunigten Verfahrens oft nur unzureichend. Nach der Verlegung in die Kantone wird der Informationsaustausch – etwa bei Patientendossiers – häufig unterbrochen, was zu Lücken und Qualitätsproblemen bei den Gesundheitsdaten führt.(ii)

Mehr Therapieplätze gefordert

Die Interviews mit Expert:innen machen deutlich, dass sich die Menschen mit Fluchterfahrungen sichere Räume und niederschwellige Angebote wünschen, in denen sie ihre Erlebnisse und Belastungen vor, während und nach ihrer Flucht teilen und verarbeiten können. Besonders die therapeutische Behandlung traumatischer Erlebnisse wird von Expert:innen als essenziell angesehen. Um die Versorgung zu verbessern, wird eine Ausweitung ambulanter Therapieplätze sowie der niederschwelligen Angebote gefordert.

Jedoch mangelt es an Wissen darüber, wie psychotherapeutische Behandlung und psychosoziale Beratung für Geflüchtete am besten gestaltet werden können– etwa, ob Einzelgespräche, Gruppenangebote, Kurse oder Workshops besser geeignet sind. Ebenso ist unklar, welche Themen für die Betroffenen am wichtigsten sind: Sind es vor allem Schlafprobleme, Ängste oder Sorgen um die Familie? Zudem ist die Zusammenarbeit zwischen niederschwelligen Helfer:innen und Fachpersonen noch unzureichend erforscht. Diese Lücken verdeutlichen, dass eine weiterführende Forschung notwendig ist, um Angebote auf die spezifischen Bedürfnisse der Betroffenen abzustimmen. Es ist eine grosse Herausforderung, passgenaue und wirksame Massnahmen für die psychosoziale Gesundheitsversorgung von Geflüchteten zu entwickeln.

«Die Geflüchteten wissen am besten, was sie brauchen.»

Referenzen

i Chernet, A., Probst-Hensch, N., Sydow, V., Paris, D. H., & Labhardt, N. D. (2021). Mental health and resilience among Eritrean refugees at arrival and one-year post-registration in Switzerland: a cohort study. BMC Research Notes, 14, 1-6.

Faust, V. (2016). Migration ist einschneidend für die psychische Gesundheit. In Pro Menta Sana Aktuell 3. Zwischen hier und dort – Migration und Psyche (S. 7-8). Zürich.

Kiselev, N., Morina, N., Schick, M., Watzke, B., Schnyder, U., Pfaltz, M.C. (2020). Barriers to access to outpatient mental health care for refugees and asylum seekers in Switzerland: the therapist’s view. BMC Psychiatry, 20, 378.

ii Akkaya, G., Frei, P., Müller, M. (2022). Grund- und Menschenrechte in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit. Ein Handbuch für die Praxis. Interact Verlag.

Kägi, W., Suri, M., Huddleston, C., Efionayi, D. (2023). Formative Evaluation der Gesundheitsversorgung für Asylsuchende. BSS Volkswirtschaftliche Beratung und Schweizerisches Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien SFM im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit.

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