Trotz dieser Belastungen sprechen die betroffenen Kinder selten über ihre Situation – insbesondere dann, wenn psychische Erkrankungen vorliegen oder zusätzliche migrationsbedingte Faktoren hinzukommen wie sprachliche Barrieren, ein unsicherer Aufenthaltsstatus oder fehlende soziale Netzwerke. In solchen Situationen übernehmen Kinder häufig zusätzliche Verantwortung, etwa als Übersetzerinnen und Übersetzer oder als Vermittler zwischen ihrer Familie und Institutionen. Sie begleiten ihre Eltern zu Arztterminen, erklären Briefe oder helfen beim Ausfüllen von Formularen.
In einem internationalen Vergleich von Forschung, Politik und Unterstützungsangeboten wird die Schweiz der Kategorie «emerging awareness» (aufkommendes Bewusstsein) zugeordnet. Diese Einordnung beschreibt Länder, in denen die gesellschaftliche und politische Sensibilisierung für das Thema noch im Aufbau ist und entsprechende Unterstützungsstrukturen erst entwickelt werden.
Dass Kinder und Jugendliche Verantwortung übernehmen, ist an sich nicht problematisch. Kritisch wird es jedoch, wenn:
- sie dauerhaft einer übermässigen Belastung ausgesetzt sind,
- sie keine angemessene Unterstützung erhalten,
- ihre Rolle unsichtbar bleibt oder
- sie ihre eigenen Bedürfnisse, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten zurückstellen müssen
In der Schweiz bleibt diese Situation oft unsichtbar. Lehrpersonen, Ärztinnen und Ärzte, Fachpersonen der Sozialen Arbeit sowie Nachbarinnen und Nachbarn erkennen nicht immer, dass Kinder und Jugendliche Care-Aufgaben übernehmen, obwohl sie teilweise dringend Entlastung bräuchten.
Young Carers werden häufig nicht erkannt, weil ihre Situation von Fachpersonen nicht systematisch thematisiert wird. Eine Befragung von Fachpersonen aus den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziale Arbeit in der Schweiz zeigt, dass Young Carers noch immer zu wenig bekannt sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass Fachpersonen häufig mit betroffenen Kindern in Kontakt stehen, ohne deren Situation als solche zu erkennen. Wird bei Eltern mit einer chronischen Erkrankung systematisch nachgefragt, ob minderjährige Kinder im Haushalt leben und wie es ihnen geht? Werden Kinder in Beratungsgespräche einbezogen und direkt gefragt, ob sie sich der Situation gewachsen fühlen? Ohne gezielte Fragen bleiben sie oft unsichtbar – bis schulische Schwierigkeiten oder gesundheitliche Probleme auftreten, obwohl sie bereits seit längerer Zeit einer hohen Belastung ausgesetzt sind.
«Wird bei Eltern mit einer chronischen Erkrankung systematisch nachgefragt, ob minderjährige Kinder im Haushalt leben und wie es ihnen geht?»
Young Carers werden daher häufig nicht erkannt, weil ihre Lebenssituation nicht ausreichend proaktiv erfasst wird. Hinzu kommt, dass sie selbst oft keine Hilfe suchen, da sie ihre Situation als «normal» wahrnehmen oder aus Loyalität oder Scham schweigen.
Verschiedene Massnahmen ermöglichen es, Young Carers gezielt zu unterstützen:
- Früherkennung in der Schule, im Gesundheitsbereich und in der Sozialen Arbeit
- Niederschwellige Beratung für Kinder und Eltern
- Entlastungsangebote wie Tagesstrukturen, Entlastungsdienste oder psychologische Unterstützung
- Gespräche, in denen Kinder ihre Situation angstfrei und ohne Schuldgefühle ausdrücken können
Eine Schweizer Evaluation zeigt, dass das Peer-Support-Programm «Get-togethers» wirksam ist. Die Teilnehmenden profitieren insbesondere vom Austausch mit anderen Jugendlichen in ähnlichen Situationen, von emotionaler Unterstützung sowie von fachlicher Begleitung. Das Angebot stärkt den sozialen Rückhalt, die Lebenskompetenzen und die Vernetzung.
Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass nicht alle Betroffenen erreicht werden: Minderjährige sowie männliche Young Carers nahmen nur selten an den Treffen teil. Dies zeigt, dass ergänzend zu bestehenden Angeboten weitere, zielgruppenspezifische Unterstützungsformen notwendig sind.