Das Interview wurde von Katharina Liewald, Co-Projektleiterin migesplus.ch durchgeführt.
Während der Pandemie gab es viele neue Bestimmungen und man hat gemerkt, dass die sogenannten schwer erreichbaren (sozial benachteiligten) Zielgruppen nicht erreicht wurden mit diesen wichtigen Informationen.
Edibe Gölgeli, eine Basler Grossrätin mit kurdischen Wurzeln ist auf mich zugekommen und hat mir erzählt, dass viele Personen ihrer Community die Corona-Bestimmungen nicht kannten - es also offensichtlich «Zugangsbarrieren» zu diesen Informationen gab. Sie hat auf der Basis der Botschaften des BAG selbst Sprachnachrichten aufgenommen. Diese lauteten dann ungefähr so: «Mein Name ist ..., ich habe offizielle Informationen zum Schutz vor dem Coronavirus und diese lauten folgendermassen...». Diese Sprachnachrichten hat sie dann über alle ihre Community-Kanäle versendet. Diese Audios haben sich wie ein Lauffeuer verbreitet.
Wir haben diese Idee aufgegriffen und für weitere Sprach-Communities umgesetzt. Jedes Mal, wenn neue Bestimmungen vom BAG publiziert wurden, haben wir diese Informationen in einer einfach verständlichen Sprache verfasst und die Texte anschliessend von interkulturellen Vermittelnden unserer Partnerorganisation HEKS übersetzen und sprechen lassen. Diese interkulturellen Vermittelnden haben diese Audios dann auch gleich in ihre Communities verbreitet.
So hat sich für uns eine neue Möglichkeit entwickelt, Gesundheitsinformationen zu verbreiten.
Die Idee ist quasi aus der Notlage während der Corona-Pandemie entstanden. Seither sind Audios ein Format, welches wir immer wieder zur Verbreitung von Gesundheitsinformationen einsetzen.
Wir haben Audios zu verschiedenen Themen produziert: Zum Schutz bei Hitzewellen, zu Krankenkasse und Prämienverbilligung, zum Thema weibliche Genitalbeschneidung/female genital mutilation (FGM), zu Kindergesundheit und zum Thema Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen.
Die Auswahl der Sprachen ist je nach Thema unterschiedlich. Die Corona-Infos wurden damals in möglichst viele Sprachen übersetzt, soweit wir dies durch unsere Partnerorganisationen HEKS und Femmes-Tische abdecken konnten. Da ging es vor allem darum, möglichst viele Menschen zu erreichen. Bei der Kampagne zur Kindergesundheit (Kindernotfall) wollten wir in erster Linie Eltern mit Kleinkindern ansprechen. Da haben wir die Zielsprachen anhand statistischer Daten ausgewertet und aktuelle Ereignisse wie Ukraine berücksichtigt. Zudem konnten wir auf Erfahrungswerten aufbauen.
Eine Partizipation der Zielgruppen konnten wir in der ersten Phase leider noch nicht realisieren. Der Zeitdruck war während der Pandemie zu gross und wir stiessen auch bei der Qualitätssicherung der Übersetzungen an unsere Grenzen.
Zum Einbezug der Fachpersonen schildere ich gerne unser Vorgehen am Beispiel Kinder-Notfall (Mein Kind ist krank – was tun?).
Die Thematik der überlasteten Notfallstationen in Spitälern und Kinderarztpraxen waren ja schon länger in den Medien. An einem runden Tisch mit vielen verschiedenen Organisationen kam es unter anderem zur Erkenntnis, dass es im Bereich der Kindergesundheit viele verschiedene Anlaufstellen gibt, es für Eltern aber schwer sein kann einzuschätzen, in welcher Situation welche Anlaufstelle die Passende ist. Also wurde eine gemeinsame Sensibilisierungskampagne erarbeitet. Diese Kampagne besteht aus einem Flyer, einer Website und vier verschiedenen Audios in 16 Sprachen .
Ich denke, dass ein grosser Erfolgsfaktor die gemeinsame Erarbeitung mit den verschiedenen Organisationen war. Das war zwar aufwändig, aber weil alle involviert waren, konnten zum Schluss auch alle hinter dem Endprodukt stehen. Das war dann im Anschluss sehr wichtig für die Verbreitung. Die verschiedenen Stellen sehen es nun auch als ihr Produkt an und verwenden es aktiv bei der Kommunikation mit den Zielgruppen.